In Afghanistan sagt man: „Nushe jan“ (farsi: „guten Appetit“)

Annas Familie hat Sonntag zu ihrem ersten Welcome Dinner eingeladen:

„Gestern waren Ismael (19) und Ahmad (21) aus Afghanistan unsere Gäste. Wir holten sie in ihrer Unterkunft in Adendorf ab, dann gab es Pizza wahlweise mit Gemüse und Frischkäse, Rinderschinken und Gorgonzola oder Schafskäse und Cocktailtomaten. Davon schlugen wir uns alle dermaßen die Bäuche voll, dass der Rote Beete-Salat stehen blieb. Schoko mit Ananas und Kaffee ging als Nachtisch aber wieder – Schoko geht schließlich immer.

Ismael kommt aus Kabul, Ahmad aus Herat. Ihre Familien leben noch dort. Die beiden jungen Männer sind seit acht Monaten in Deutschland, lernten sich im Erstaufnahmelager Friedland kennen. Seit 6 1/2 Monaten leben sie in der Unterkunft in Adendorf. Ihren Fluchtweg streiften wir im Gespräch nur kurz, weil wir nicht unerwünschte Erinnerungen wecken wollten. Es ging für sie über die klassische Strecke Türkei-Griechenland, inklusive überladenem Boot und ellenlangem Fußmarsch. Ahmad musste in Deutschland drei Monate lang in ärztliche Behandlung, bis er wieder schmerzfrei laufen konnte.

Beide Männer möchten hier bleiben und möglichst bald arbeiten – Ismael als Verkäufer im Supermarkt, Ahmad als Automechaniker. In ihrer Heimat haben sie nur einige Jahre die Schule besucht, dann unterstützten sie ihre Familien mit verschiedenen Jobs. Viele Afghanen sind ihnen zufolge aus diesem Grund kaum oder gar nicht zur Schule gegangen, können weder lesen noch schreiben. Ahmad kann deshalb keinen Kontakt zu seinem Vater und den Brüdern halten – selbst wenn sie einen Internet-Zugang hätten, könnten sie mit dem Medium nichts anfangen. Nur ein Telefonat in die Heimat ist hin und wieder möglich.

Angesichts der Chancen, die sich dagegen jungen Menschen in Deutschland bieten, ist Ahmad vor Begeisterung kaum zu stoppen. Er hat große Pläne und tut viel dafür, um sie zu verwirklichen: Sein Deutsch zum Beispiel ist wahnsinnig gut. Ab Ende April hat er ein 6-wöchiges Praktikum in Lüneburg ergattert, danach will er sich für eine Ausbildung bewerben und eine Wohnung suchen.

Natürlich müssen für den Arbeitsmarkt erste Sprachkenntnisse vorhanden sein, natürlich mahlen die Mühlen der Bürokratie langsam und sind notwendig. Trotzdem haben wir den Eindruck, bei diesem hochmotivierten jungen Mann wurde bereits viel Zeit verschenkt – er muss unbedingt unter Leute, in Lohn und Brot. Genau solche Immigranten wünscht sich das Land.

Beide Männer waren uns gegenüber sehr offen. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken und freuen uns darauf, Ahmads Gegeneinladung zu „Reis und viel Fleisch“ bald zu folgen. Integration muss von beiden Seiten stattfinden – wir glauben, dass das Welcome Dinner dafür einen wertvollen Grundstein legen kann.“

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